Die Geschichte der Artillerie

So heißt es im Lied der Artillerie, das noch heute mit Stolz gesungen wird und die Heeresdienstvorschrift 100/100 "Truppenführung" überschrieb einst das Kapitel Artillerie mit dem Zitat: "Die Artillerie ist die Göttin der Schlacht und der Hammer auf dem Gefechtsfeld."

 Schon die Antike kannte Waffen in Form von Wurfmaschinen (Katapulte, Blieden etc.), die man ihren Aufgaben und ihrem Einsatz entsprechend im weitesten Sinne als die Vorläufer der Artillerie bezeichnen kann. Diese ungefügen und schweren Geräte wurden meist nach Bedarf gebaut und nach ihrer Verwendung stehen gelassen.

Philip von Mazedonien und sein Sohn Alexander der Große benutzten bei ihren Feldzügen im 4. Jh. vor Chr. aber auch Wurfmaschinen, die beim Heer mitgeführt wurden, also mobil und jeder Zeit verfügbar waren.

Diese Gerätschaften änderten sich bis in das Mittelalter nur wenig. Bis zum 13. Jh. wurden sie als Steinwurfgeschütze, meist als Hebelgeschütze, neben leichten und schweren Armbrüsten benutzt. Aus der Zeit vor den Kreuzzügen sind sie uns als Gewerfe bekannt. In Frankfurt am Main finden wir noch bis zum Jahr 1404 solche Gewerfe. Zu ihrer Bedienung gehörten Meister, Obersteinbrecher und Untersteinbrecher; ihnen zugeordnet waren Zimmerleute, Schmiede und Steinmetze. Während die "kleine" Munition auf Wagen mitgeführt wurde, wurde die "große" Munition (immerhin Steine bis zu 3,5 Zentner Gewicht) am Einsatzort erzeugt.

Der Begriff "Artillerie" wurde ursprünglich nicht nur für Feuerwaffen sondern für das gesamte schwere Kriegsgerät gebraucht. Seit der Wende vom 15. zum 16. Jh. fand das Wort "Artillerie" Eingang in die deutsche Sprache. Die heutige Schreibweise scheint dem Französischen zugeordnet werden zu können (Joinville, +1317, benutzt den Namen häufig für "machines de guerre" und "projectiles de toutes sortes").

Insgesamt sind etwa 13 verschiedene Schreibweisen, wie z.B. Archillerey, Artigleria, Artillerja oder Arkollerey, bekannt. Sprachforscher wollen das Wort aus der lateinischen Sprache ableiten, nämlich von "ars tirare" (Kunst zu Schießen) und "ars telorum" (Kunst der Fernwaffe

Ein Blick zurück ins 15. Jahrhundert zeigt die ersten Artilleriestücke, Schlangen oder Geschütze mit verstärkten Bronzerohren, aus denen mit Schwarzpulver und Salpeter Steinkugeln oder gehacktes Bleischrot gegen Stadtmauern oder Landsknechtshaufen verschossen wurden.

Schon damals war die Wirkung "fürchterlich" - physisch und psychisch. Gegenmaßnahmen wie Feld- und Stadtbefestigungen sowie Bollwerke oder noch im 20. Jahrhundert Maginotlinie und Atlantikwall waren fast immer wirkungslos. Sie zogen entweder konzentriertes Feuer auf sich oder wurden umgangen.

Standen Artilleriebatterien jahrhundertelang auf Befestigungswällen oder im Felde vor der Infanterie, so wurden sie im 1. Weltkrieg in Feuerstellungen zurückgezogen, um sie dem direkten feindlichen Feuer zu entziehen. Die Batterien wirkten jetzt mit indirektem Feuer aus vermessenen Feuerstellungen und wurden durch vorgeschobene Beobachter geleitet. Die dominante Wirkung des Brisanzfeuers ließ jede Bewegung auf dem Gefechtsfeld erstarren - die Folge war der Stellungskrieg.

Die Mechanisierung der Kampftruppen brachte vor und während des 2. Weltkrieges neue taktische und operative Möglichkeiten durch zum Teil weiträumige Bewegungen von gepanzerten Kräften. Durchbrüche durch Verteitigungsstellungen konnten dennoch nur mit konzentriertem Artilleriefeuer erzwungen werden. Andererseits mußten auch Angriffe gepanzerter Kräfte in artilleriestarken Verteitigungsstellungen scheitern.

Eine Qualitätssteigerung der Wirkung von Artillerie war nach dem 2.Weltkrieg mit dem atomaren Feuer verbunden. Durch seine abschreckende Wirkung war es ein wichtiger Faktor im "Kalten Krieg" zwischen den Großmachtblöcken NATO und Warschauer Pakt.

Mit der Überwindung des Ost-West-Konfliktes und der Auflösung des Warschauer Paktes konnte das deutsche Heer auf die atomaren Einsatzmittel der Artillerie verzichten.

Damit begann eine Phase der waffentechnischen und konzeptionellen Neubesinnung. Eine umfassende Standortbestimmung ergab, daß moderne Technologien für Aufklärungssensoren, Führung und Feuerleitung, Rohr-, Raketen- und Flugkörperwaffen und intelligente Munition verfügbar waren und in ein konventionelles System Artillerie zusammengefügt werden konnten. In diesem System sind Lage-, Ziel - und Wirkungsaufklärungsmittel mit den Rohr-, Raketen- und Flugkörperwaffen durch ein Führungs- und Waffeneinsatzsystem so eng verbunden, daß Aufklärung und Feuer schnell, genau und angemessen wirksam werden können.

Schon heute verfügt die Artillerie über ein Grundsystem aus Aufklärungsdrohne Cl 289, Schallmeßanlage 064, Artilleriebeobachtungsradar RATAC, Höhenwindradar und ATMAS, Führungs- und Waffeneinsatzsystem ADLER, Feld-, Panzer- und Raketenartilleriewaffen sowie Munition gegen weiche, halbharte und harte Ziele.

Mit der Panzerhaubitze 2000, der Suchzündermunition SMArt gegen harte Ziele, den Aufklärungsmitteln COBRA, Schallmeßsystem und KZO sowie der Kampfdrohne Heer wird das System Artillerie kurzfristig bis 2000 und mittelfristig bis 2005 zu seiner vollen Wirksamkeit aufwachsen.

Damit verfügt die Artillerie dann über Fähigkeiten, die das deutsche Heer zur Landes- und Bündnisverteitigung dringend benötigt:

Lage-, Ziel- und Wirkungsaufklärung in den Verantwortungsbereichen von Brigade, Division und Korps,

Feuerunterstützung (unmittelbare Feuerunterstützung und für den allgemeinen Feuerkampf) im Gefecht der verbundenen Waffen von Brigade und Division,

Kampf mit Feuer in der Tiefe des Verantwortungsbereiches von Division und Korps.

Diese Fähigkeiten werden besonders in den multinationalen Großverbänden (Divisionen und Korps) benötigt, vor allem zur Feuerverstärkung über Grenzen.

Bei friedensunterstützenden Einsätzen sind diese Fähigkeiten vornehmlich zur Aufklärung und Überwachung, dem jeweiligen politischen Mandat angepaßt, nutzbar. Aufklärung und Überwachung auf Distanz, ohne Gefahr der Verzahnung, können Kräfte schonen und ersetzen.

Damit hat die Artillerie eine klare waffentechnische und konzeptionelle Perspektive weit über das Jahr 2000 hinaus. Sie wird ihre Fähigkeiten, wie in den vergangenen fünf Jahrhunderten, in den Dienst der Heerführer und Truppenführer stellen - als Truppengattung des deutschen Heeres.